Viehscheid Nesselwang 2011
16. September 2011Der Viehscheid gehört zum Alp-Abtrieb (die "Alm" nennt man im Allgäu "Alpe") und ist für das Allgäu und seine Bewohner ein wichtiges und freudiges Ereignis. An einem Tag Mitte/Ende September, kehrt das Vieh von der Alpe ins Tal zurück, um die Wintermonate in den heimatlichen Stallungen zu verbringen. Das Vieh, das den Sommer in den Bergen verbracht hat, wird gemeinsam ins Tal getrieben und „geschieden“, d.h. dem jeweiligen Besitzer aus der Obhut der Hirten wieder zurück gegeben.
In Nesselwang fand der Viehscheid 2011 am Freitag, dem 16. September, statt und der Wettergott billigte dem malerischen Flecken im Allgäu einen wunderschönen und fast schon hochsommerlichen Festtag mit Temperaturen um die 25 Grad Celsius zu.
Bevor der Viehscheid allerdings beginnen konnte, stand jede Menge Arbeit an: Die großen Zugschellen wurden auf Hochglanz poliert, deren Fransen gebürstet, die bei den wertvollen Schellen aus echtem Dachshaar sind. Beim Alp-Auszug selbst kommen viele fleißige Helfer zur Unterstützung auf die Alpe. Die Tiere werden in den Stall getrieben und angebunden. Dort tauschen die Helfer die kleinen Weideschellen gegen die geputzten Zugschellen aus.
Die sogenannten "Schellen" sind speziell für die Viehscheide gefertigt, werden nur an diesem Tag getragen und den Tieren bereits am Vortag des Viehscheids umgelegt, was bei einer Herde von 100 Stück Vieh entsprechend zeit- und arbeitsaufwändig ist.
Fast schon majestätisch wirken die Kühe mit ihrem einzigartigen Halsschmuck am letzten Tag auf der Sommerweide und sind somit für den Viehscheid gerichtet. Für Bauer Huber ist nach der Erledigung der letzten "Formalitäten" auf der Alpe gegen 20 Uhr nun auch endlich Feierabend. Derweil beginnen im Tal bereits die Feierlichkeiten mit einem Festzug, angeführt von der Harmoniemusik Nesselwang.
Frühmorgens um 8 Uhr geht's am nächsten Tag mit der Alpspitz-Bahn von der Talstation hoch zur Mittelstation, wo sich alle Helfer im Enzianstüble versammeln. Viele waren schon oft bei diesem heimischen Brauchtum mit dabei und freuen sich alljährlich auf diese ehrenvolle Aufgabe. Natürlich tragen auch die Hirten ein Festtagsgewand, nämlich traditionell eine Lederhose mit bestickten Edelweißhosenträgern.
Frisch gestärkt und mit einem bunten Festtags-Sträußchen am Hut, marschierten sodann drei Hirten mit dem sog. Kranzrind voraus ins Tal. Zu dem Zeitpunkt verfügen diese Kranzrinder nur über ein paar Reis-Ästchen auf dem Kopf, die unten im Tal durch ein sehr schönes Gesteck aus bunten Bergblumen und Fichtenzweigen ersetzt werden. Dazu zählt auch ein Kreuz zum Schutz Gottes sowie ein Spiegel zur Abwehr böser Geister.
Im Anschluss folgt die mit Schellen geschmückte Kuhherde, begleitet von den Hirten, die alle Mühe haben, das wilde und aufgeregte Vieh ins Tal zu führen. Schon von weitem hört man das Geläut der heran rasenden Herde, die sehnsüchtig von ihren Besitzern erwartet wird.
Nicht nur ganz Nesselwang ist jetzt im Festtags-Dirndl & Lederhosen auf den Beinen - auch zahlreiche Touristen wollen diesem sehenswerten Spektakel beiwohnen. Angeführt vom Musikverein, folgt das Kranzrind und die Kuh-Karawane versammelt sich nun am Scheidplatz, wo der eigentliche Viehscheid stattfindet.
Hierbei wird jeder Kuh einzeln die große Schelle abgenommen und das Tier an seinen Besitzer übergeben. Danach kann endlich mit einer Maß Bier auf die gelungene Arbeit angestossen und im Festzelt kräftig gefeiert werden.
Ein grandioser Ausblick gewährt sich zum Abschluss von der 1575 Meter hohen Albspitze in Richtung Bergmassiv mit Zugspitze und im Vordergrund Schloß Neuschwanstein.
